Die tobenden Affen in unserem Kopf

Abends, wenn es anfängt sich zu verdunkeln und später in der Nacht, wenn sich selbst die Sterne und der Mond im Himmel verstecken und uns der Schlaf einfach keine Ruhe spendet, dann erwachen die Affen zum Leben. Sie schreien und kreischen, schwingen sich von Ast zu Ast, hangeln sich an den Lianen entlang. Die Affen in unserm Kopf tragen Namen wie Furcht, Sorge, Angst, Wut, Trauer, Kummer oder auch Neid und Hass. Alle Affen wollen unsere Aufmerksamkeit.
Diese Affen sind die immer lauter werdenden Gedanken in unserem Kopf, die dort unkontrolliert im Karussell herumfahren und uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Sie rauben uns oft den letzten Schlaf, lassen uns von der einen Seite der Matratze auf die andere wälzen und schicken uns auf eine emotionale Achterbahn. Unsere Gedanken springen von Erlebnissen in der Vergangenheit zu Projekten in der Zukunft  und es scheint so, als ob wir davon bewusst beeinflussen könnten.

Gründe für ein unkontrolliertes Affenrudel findet unser Verstand immer: das Minus auf unserem Konto, die aufgebrachte und frustrierte Chefin, die uns bis in den Schlaf verfolgt, die Angst dem Partner nicht zu genügen, die Sorge und Furcht nicht gut genug zu sein etc. In der neueren Psychologie hat man den Begriff aus dem Buddhismus übernommen, der die tobenden Äffchen im Kopf „Monkey Mind“ nennt.

Der Affenanführer heißt Angst. Er ist sehr häufig der Lauteste von Allen. Ständig in Alarmbereitschaft, launisch und impulsiv, fordert er, dass man ihm zuhört. Und genau das tun wir. Unter Umständen Nacht für Nacht.

Meinen Patienten gebe ich das Beispiel von einem Ameisenhaufen, in dem die Gedanken durcheinanderwimmeln und ständig neue chaotische Gedanken produzieren. So gesehen arbeitet unser Gehirn, immer wieder gefüttert durch unser Unterbewusstsein, wie ein Perpetuum mobile, dass in einer Endlosschleife Enttäuschung produziert. So entsteht die Frage: Wie können wir die Affen in unserem Kopf zur Ruhe kommen lassen?

Gar nicht geht nicht, sage ich ihnen als Psychotherapeut mit langjähriger Lebens- und Praxiserfahrung. Die wild kreischenden Affen führen ein Eigenleben, und es wäre falsch zu glauben, man könnte sie wie ein Kinderspiel ganz leicht bändigen. Die Psychologie zielt nicht darauf ab, die Äffchen brav- und ruhigzustellen, sondern eher dagegen ihr Wesen zu erforschen, es wertschätzend anzunehmen und von dieser Position aus ihr Verhalten zu verändern.

Dies ist viel einfacher gesagt als getan. Wer nachts immer wieder vor Sorgen wach liegt, über seine schwierige Partnerschaft, über sein überzogenes Konto nachdenkt, Angst vor der Zukunft hat, wütend auf seine Eltern ist oder neidisch auf die Nachbarn und sich jetzt sein Hirn zermartert, wie er sich auch ein Schwimmbad im Garten leisten kann, findet die Stopptaste für sein Gedankenkarussell nicht von heute auf morgen. Es braucht eine gewisse Praxis, Geduld und Verständnis, um die Affen zur Ruhe kommen zu lassen.

Denn es geht zuallererst darum, das Wesen der Affen kennenzulernen und damit die Seele von der Angst zu befreien. Eine angespannte, unfreie und ängstliche Seele beruhigt sich nicht von selbst und verliert seine Rastlosigkeit. Was meine ich damit? Ich meine, dass es keinen Sinn macht, nur symbolische Ketten zu sprengen. Die Affen sind von haus aus wild und frei in der Natur, wir aber versuchen, sie nicht artgerecht in definierten Gehegen einzusperren in denen sie sich nur eingeschränkt bewegen können. Unser Verstand kann ihnen nicht verbieten, laut kreischend von Ast zu Ast zu hüpfen.

Ganz im Gegenteil, je drängender wir es versuchen, umso wilder und kämpferischer gebärdet sich das Affenrudel. Eine gute Praxis, um zum Beispiel mehr Entspanntheit und Ruhe ins eigene Leben zu bringen, ist Reflexion mit Hilfe eines Dritten zum Beispiel mit einem Therapeuten. Durch ein empathisches Gespräch und eine wertschätzende Beziehung entspannt sich der Körper, und so kann sich Ruhe entwickeln.

Am Anfang steht der Reflektionsprozess, in dem ich mir bewusst werde, wie ich mit meinen eigenen Ängsten umgehe. Wie kann ich mir Raum und Zeit für mich selbst schaffen, mich besser kennen zu lernen, jenseits vom alltäglichen Funktionieren? Wie wichtig bin ich mir selbst? Welchen Stellenwert schreibe ich mir selbst in meinem Leben zu? Wie gefangen bin ich mit meinen Gedanken und Lebensmustern in meinem eigenen Gehege, dass ich mir über die Jahre selbst kreiert habe oder von meinen Eltern, die mir Vorbild waren, unbewusst übernommen habe.

Wer unter einem starken inneren und äußeren Stress steht, spürt oft einen starken Widerstand in sich (in Form von Vertrauens- und Beziehungsängsten), um guttuende und sinnvolle erste Schritte für eine Veränderung einzuleiten.

Wenn jedoch der eigene Leidensdruck kontinuierlich zu- nimmt und man auch aus seinem persönlichen Umfeld positives Erfahrungsfeedback eines Therapieprozesses bekommt, werden die Widerstände schwächer und der Mut nimmt zu.

Ich empfehle potentiellen Patienten von mir, die niedergeschlagen und deprimiert vor der Affenherde kapitulieren, ihre Selbstbestimmung und Selbstachtung zurückzugewinnen. Zum Beispiel, indem sie endlich auf Perfektionismus verzichten. Perfektionisten streben nach Vollkommenheit und sind ständig zu selbstkritisch, da die Messlatte, die sie selbst oder von ihrem früheren sozialen Umfeld aufgelegt bekommen haben, natürlich nie überspringen können.

Und mit der Perfektion ist es ähnlich wie mit dem Glück: Je weniger wir beide bewusst anstreben MÜSSEN, umso eher ist es möglich. Und es gibt noch viele andere Gedanken, wie am Anfang dieses Artikels erwähnt. Diese in ihrem Wesen zu erkennen und die kreischenden Monkeys aus ihrem Käfig zu befreien. Ich rate Betreffenden, sich Zeit zu nehmen, ihre Komplikationen im Leben besser zu verstehen und zu verändern. In der Regel findet sich genau das, was wir in unserem Inneren erleben, auch im äußeren Leben wieder, z.B. Unordnung und Chaos in der Wohnung. Der Therapeut an meiner Seite unterstützt mich anzufangen aufzuräumen und für mehr Klarheit zu sorgen. Stress minimieren: etwa auch durch gezielte Entspannungsübungen im Alltag. Am einfachsten ist eine Atemübung/Meditation.

Setzen Sie sich in ein ruhiges, stilles Zimmer, legen Sie das Smartphone zur Seite und sorgen Sie dafür, dass Sie in den nächsten 10 Minuten nicht gestört werden. Schließen sie Ihre Augen und richten Sie die ganze Aufmerksamkeit auf den Atem. Spüren Sie wie der Atem ruhig aus Ihnen hinaus- und wieder in Sie hineinfließt. Folgen Sie einfach Ihrem Atem, ohne besonders tief oder flach Luft zu holen. Wer gerade erst beginnt mit dem Atem bewusst zu arbeiten, tut sich oft leichter, beim Ein- und Ausatmen ein Wort oder eine Silbe wie „los-lassen“ zu wiederholen. Man spürt meist sehr schnell wie sich der Körper entspannt.

Wer unter starkem Stress steht, schlummert in solchen Situationen auch mal weg. Dies kann ein gutes Zeichen sein, das zeigt, wie der Geist zur Ruhe kommt. Daraus fällt es dann leichter, die größten äußeren Stressfaktoren im Alltag zu verändern.

Jeden Morgen Stau auf der Autobahn? Vielleicht wäre es ratsamer den Zug zu nehmen. Erkennen Sie Ihre eigenen äußeren Affen an sich, raus aus der Negativität. Nörgeln, stänkern, kritisieren…wer den ganzen Tag nur Negatives sieht, kann kein Wohlbefinden in Körper und Seele entwickeln. Werden Sie aktiv und lassen Sie die Ängste hinter sich. Welche spezifischen Ursachen Ihre Ängste auch haben mögen, mit der Einstellung „Da kann man nichts machen“ werden die Affen weiterhin in Ihrem Kopfkäfig hängen bleiben.

Wissen Sie um die Macht des Unterbewusstseins?

Das Gebiet des Unterbewussten wurde erstmals von Sigmund Freud erforscht. Er erforschte, dass sich unsere Gedanken immer wieder in die gleiche Richtung bewegen. Wir bauen dann unbewusst auf diesem Fundament unser Leben auf. Es reicht ein Impuls und die unbewussten Gedanken lösen immer die selben Emotionen aus, die wir als Kind erlebt haben. Auch hier ist bewusstes Erkennen und reifes Umgehen die Verbesserung und Heilung. Das tolle und zufriedenstellende Erleben in der Therapie oder Supervision ist: ich lerne besser mit mir umzugehen, MUSS dies aber nicht alleine tun, sondern mit einem adäquaten, wissenden Begleiter, der mich mit Wertschätzung und Empathie auf meinem Persönlichkeitsentwicklungsprozess begleitet und unterstützt.

Und auch hier ist dann Loslassen das Ziel der Heilung. Verzichten Sie auf Risikoanalysen und sehen Sie alles, was geschieht als Chance. Auf diese Weise finden Sie zurück zum Gedanken der kindlichen Freude. Als Kinder haben wir alle ausgiebig gespielt, sind müde und erschöpft zu Bett gegangen und haben bis zum nächsten Morgen ruhig geschlafen, doch als Erwachsene haben wir vergessen, dass es das freie Spiel in uns gibt. Wer sich von der Vorstellung freimacht, dass er unbedingt richtige Entscheidungen treffen muss, gewinnt Freiheit und Lebensfreude und handzahme Äffchen außerhalb des definierten Käfigs „im Kopf“.

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