Bedeutung von Spiritualität & Glaube im psychotherapeutischen Gesundungsprozess

In unserer Arbeit mit Menschen, die sich in Anpassungs- Veränderungs- oder Übergangsprozessen befinden, kommen wir zunehmend an religiöse und spirituelle Fragestellungen. Wir erfahren hier eine deutliche Zunahme des Interesses an religiösen und spirituellen Fragen bei unseren Klienten. Es sind zum Beispiel Fragen nach der eigenen Existenz, nach dem Tod (und was vielleicht danach kommt) und nach dem Sinn des Lebens. Auch Fragen nach der Verbundenheit mit Gott oder Erlebnisse, die das naturwissenschaftliche Verständnis vom menschlichen Dasein sprengen, wie etwa Nahtoderfahrungen oder die Verbindung mit Verstorbenen werden zunehmend gestellt.

Seit jeher sind Psychotherapie & Spiritualität – wie zwei ungleiche Geschwister – miteinander verwoben. Die Beziehung gestaltet sich mal mehr und mal weniger harmonisch. Während der „Ältere“, der Seelsorger und Theologe, den geistigen Weg einschlägt und sich Jahrtausend alter religiöser Überlieferungen und auf den Glauben an Gott stützt, fokussiert sich der „Jüngere“, der Psychotherapeut, auf die Aufdeckung und Klärung der Vorgänge im Seelenkern des Individuums.  

Oft stehen sich diese Haltungen scheinbar unvereinbar gegenüber. Vorgetragen wie ein Schutzschild von deren Verfechtern, die als Advokaten des jeweiligen Lagers fungieren. Viel zu oft fehlt es an Toleranz, Flexibilität und die Fähigkeit sich anderen Betrachtungsweisen zu öffnen. Die Angst, die eigenen Grundüberzeugungen zu verwässern und sich im Zeitalter des modernen „spirituell-esoterischen Supermarktes“ zu verirren, erscheint als eine reale Gefahr.

Was es braucht, sind Visionäre, Missionare der Neuzeit die als Brückenbauer der Moderne, eine Verbindung schlagen können. Das Ziel ist, den Kontakt zwischen den zwei Lagern zu unterstützen, so dass diese sich begegnen und ergänzen können.  Trotz vorhandener Unterschiede in den Ansätzen, ein Ziel haben beide gemeinsam: den Menschen in seinem existenziellen Streben nach Sinn und Erfüllung zu begleiten und auch in Krisenzeiten, im Klärungs- und Heilungsprozess zu unterstützen. Trost zu spenden, zu halten, herauszufordern und zur Quelle der ureigenen existenziellen Ressource zu begleiten.

In der Verbindung von Spiritualität und Psyche stecken viel Kraft und Potenzial.  In der Integration unserer Seele (Psyche), unseres Geistes und unseres Körpers sehen wir ein erstrebenswertes Potenzial. Dabei geht es nicht um die Frage, was ist richtig oder falsch. Nicht darum, sich für einen Weg zu entscheiden. Nicht ein „entweder/oder“ und ganz sicher nicht um die Frage, wer am Ende „Recht“ hat. Alle drei Ebenen der menschlichen Existenz brauchen gleichzeitig und in ihrer Wechselwirkung Beachtung und Klärung bis hin zum Bewusstsein, damit gesunde Entwicklung stattfinden kann.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens nimmt zu. Ergab sich die Antwort früher aus der Notwendigkeit, die elementaren Grundbedürfnisse und Fortpflanzung zu sichern, ist das heute viel komplexer, verwirrender und unklarer. In einer Zeit des Individualismus, strebt der Mensch stärker nach Selbstverwirklichung und –Erkenntnis. Menschen sind auf der Suche nach Antworten. Was die Wissenschaft nicht zu beantworten vermag, erhofft man an Antworten im Glauben /der Religion oder in der Innenschau beim Psychotherapeuten zu erhalten. Auch erreichen uns im Medien-Zeitalter eine Vielzahl anderer Kultur-, Glaubens- und Denkansätze, aus fernen Regionen dieser Welt. Noch nie war das Bedürfnis zu erkennen und zu verstehen und die Vielzahl an Denkansätzen, Möglichkeiten und Informationen größer als heute.

Psychotherapeuten fiel es bislang oft schwer, spirituelle Aspekte in ihrer psychotherapeutischen Arbeit zu integrieren. Hier setzt nun langsam ein Umdenken ein. Erfahrungen zeigen, dass rund jeder fünfte Klient religiöse oder spirituelle Themen in der psychotherapeutischen Sitzung mit einbringt. Therapeuten erleben hierbei, dass Spiritualität und der Glaube sowohl eine Ressource wie aber auch ein Problem für den Klienten darstellen können: Ein Problem, wenn sie durch Glaubenskrisen gehen, oder es zu Konflikten zwischen den religiösen Normen und der eigenen Lebensvorstellung kommt. Eine Ressource, wenn sie ein positives Gottesbild haben und daraus Hoffnung und Kraft schöpfen können.

Psychotherapeuten werden also zunehmend mit spirituell-religiösen Fragen und Erfahrungen konfrontiert und auch Seelsorger treffen auf Menschen, die aufgrund z.B. spiritueller Krisen psychotherapeutischer Hilfe bedürfen. Für beide Berufsgruppen macht es Sinn, sich auf diese Entwicklung einzustellen und vorzubereiten. Denn wenn sich Rollen überschneiden, kann es auch zu Konfusionen kommen.

Psycho-spirituelle Interventionen sind ein integrativer Weg, beide Ansätze zu kombinieren. Richtig angewandt, können sie das Repertoire an Copingstrategien des Klienten erweitern. Wichtig ist dabei, ethische Grundsätze zu wahren und der religiösen Ausrichtung des Klienten vorurteilsfrei, mit Respekt und Wertschätzung, zu begegnen.  Interkulturelle Kompetenz, Flexibilität und Feinfühligkeit ist gefragt. Auch eine entsprechende Vorbildung ist sinnvoll, denn der Therapeut sollte über die psychologische Wirkung spiritueller Praktiken Bescheid wissen und in der Lage sein, diese zielgerichtet einzusetzen.

Bei INTEGRIO trennen wir im Prozess der Gesundung nicht zwischen Körper, Seele (Psyche) und Geist. Für uns bilden diese drei eine Einheit. Daher setzen wir uns in der Arbeit mit Klienten mit den Konflikten und Dilemmata auseinander, die sich zwischen diesen drei Anteilen entwickeln. Diese Konflikte stehen dann unserer Entwicklung oft im Wege. Alle diese Ebenen, die das Mensch-Sein ausmachen, brauchen gleichermaßen Beachtung, Fürsorge und unter Umständen auch Gesundung. Sie machen das Besondere am Menschsein aus: Körper, Seele und Geist verstehen wir als gleichwertig dem Menschen zugehörig. Wird eine Ebene unterversorgt oder gar überhöht, kann kein Einklang, keine Balance hergestellt werden. Eine Disharmonie auf der Seelenebene kann körperliche Krankheiten verursachen. Hier hat die Medizin bereits im Bereich Psychosomatik eine ganzheitliche Betrachtungsweise und Krankheitslehre entwickelt. Eine schwere körperliche Krankheit kann psychische Störungen und Sinnkrisen zur Folge haben, auch das ist wissenschaftlich unumstritten. Konflikte und Krisen auf der Geistebene haben Auswirkungen auf unsere Seele und den Körper.

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Bei INTEGRIO leben wir seit jeher diesen integrativen Ansatz aus voller Überzeugung. In unserer therapeutischen Praxis verbinden wir das Beste aus zwei Welten, um den Gesundungsprozess unserer Klienten bestmöglich zu unterstützen.

Zu diesem Thema laden wir Sie auch herzlich zum Fach-Vortrag ein.

Termin: 20. März 2020 // 20 Uhr
Ort/Anmeldung: Deutschen Akademie für Psychoanalyse e.V. (DAP), Goethestr. 54, München
Kosten: 12,-/8,-  

Gastredner: Dr. theol. Andreas Batlogg

Elizabeth Reimers und Christopher Ofenstein, sind INTEGRIO Partner und langjährige Therapeuten in eigener Privatpraxis im Herzen Münchens.

www.integrio-muenchen.de

 

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